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Der Luchs und sein Sohn

Ein Kalispel-Märchen

Ein Paar lebte in einem Haus. Der Mann war der Luchs. Sie hatten einen Sohn. Er sagte zu seiner Frau: "Ich gehe und schaue mich mal um." Sie sagte zu ihm: "Gehe und besorge ihm etwas Milch!"

Der Mann ging weg, ging zu einem Ort, wo es Lachse gibt, kam an, machte ein Haus. Als der Abend kam, schrie er, rief er die Lachse. Die Lachse kamen flußaufwärts. "Wo seid ihr, Lachse?" Sie kamen hier herauf.

Die Lachse kamen flußaufwärts, er stürzte sich auf sie, sie entkamen, er tat sein Bestes und fing einen kleinen Lachs. Er ging nach Hause, teilte ihn in zwei Teile, und aß einen. Den nächsten Tag aß er den anderen Teil, und das war alles.

Dann, im Winter, war sein Sohn schon erwachsen geworden. Er sagte zu seiner Mutter: "Ich habe keinen Vater." Ihm wurde gesagt: "Du hast einen Vater, er ist für dich Milch holen gegangen." So wurde ihm von seiner Mutter gesagt.

Der Junge ging. Er kam bei seinem Vater an. Er sagte zu ihm: "So läufst du denn hier herum." Er bereitete seinem Gast etwas zu essen. Er sagte ihm nicht: "Ich bin dein Sohn." Am Abend sagte der Junge: "Geh, ich schau dir zu!"

Sie gingen den Fluß hinunter, er rief: "Wo seid ihr, Lachse?" Die Lachse kamen flußaufwärts hierher. Sobald er mit dem Rufen aufhörte, wimmelte das Wasser von Lachsen, die flußaufwärts kamen. Er stürzte sich auf sie, aber sie entkamen.

Sein Sohn dachte: "Mein Vater ist arm dran, weil er ganz naß ist und nur ein einziges kleines Fischlein hat." Als sie wieder nach Hause gegangen waren, sagte der Junge zu ihm: "Ich würde mir mal gerne deine Hände ansehen." Er sah seine Hände an. Als er ihn beobachtet hatte, wie er Lachse zu fangen versucht hatte, waren sie durchgeschlüpft. Er sah seine Hände an: er wird kaum je einen Fisch fangen.

Der Junge ging nach draußen, schnitzte einige Wurfhölzer, zählte die Finger. Er ging wieder rein, machte an jedem Finger seines Vaters eines fest. Als er seine Ausstattung hatte, wartete er gespannt auf den Abend.

Am Abend ginge sie hinunter zum Wasser. Er rief: "Wo seid ihr, Lachse?" Sobald er aufhörte zu rufen, wimmelte es von ihnen im Wasser, er sprang auf sie, wie sie vorbeikamen, schnappte sie, hielt sie fest und warf sie ans Ufer. Als sie nach Hause kamen, sagte er ihm: "Ich bin dein Sohn."

Da erkannte er ihn. Der Sohn sagte zu ihm: "Was hast du vor? Wirst du zu deiner Frau zurückgehen?" Der Vater sagte zu seinem Sohn: "Nein, du sollst entscheiden." Da sagte der Sohn: "Ich werde deine Frau hierherbringen. Dies soll dein Land sein."

Sein Sohn ging zurück. Er kam nach Hause und sie sagte zu ihm: "Hast du deinen Vater gefunden?" "Mach dich fertig, ich nehme dich mit, du wirst zu deinem Mann gehen."

Er nahm sie mit sich, seine Mutter ging, sie gingen und kamen an. Als sie ankamen, sagte er zu ihnen: "Dies soll für immer euer Land sein." Und da leben sie noch heute. Das ist alles.

Herr und Frau Luchs zu Hause


Bei den Kalispel handelt es sich um eine Interior Salish Gruppe in den heutigen US-Bundesstaaten Washington und Montana. Ich habe "Märchen" in die Überschrift gesetzt, weil dies eher der europäischen Tradition entspricht. Für mich persönlich spreche ich lieber von "Erzählungen", aber da dies im Deutschen auch eine Form schriftlich fixierter Literatur sein kann... Ich konnte mir nur nicht verkneifen, das bei euch übliche "indianisch" durch das in den meisten First Nations bevorzugte Native zu ersetzen, weil es mir gar zu kolonialistisch klingt und dabei ironischerweise auch noch darauf hinweist, daß Columbus und Konsorten zu blöd waren, die ursprünglich ausgekuckte Weltgegend heimzusuchen.


Personen

Es gibt zwischen Tieren verschiedener Spezies sowie zwischen Tieren und Menschen Metakommunikation. Standardbeispiele hierfür beziehen sich meist auf Jagdtechniken: Fischer, die mit Delphinen kooperieren, Coyoten, die zusammen mit Dachsen Präriehunde jagen, sog. Honiganzeiger, d.i. eine Vogelart, die Menschen oder Honigdachse zu Bienennestern führt, damit die sie ausnehmen, wobei für sie auch etwas abfällt, etc. Weniger bekannt sind "nicht zweckgerichtete" Metakommunikationen, wie etwa daß Pumas und Rotluchse gerne Menschen aus purer Kuriosität verfolgen, oder daß Pumas sich gerne einen Spaß daraus machen, Bären zu erschrecken (und zwar auch größere, die sie i.Ggs. zu Jungbären nicht mehr überwältigen und essen können). 


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© 1996 - 2011 Anna Boedeker & Sarah Whiteknife-Frazier